ajh.pm

26.26
Martha Rosler
The East Is Red, The West Is Bending

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Martha Rosler26.26
The East Is Red, The West Is Bending
1.9.–14.11.26
Martha Rosler steht in der Küche. Sie trägt eine dunkle Brille und eine traditionelle chinesische Tang-Jacke. Vor ihr auf dem Tisch steht neben allerhand Zutaten und Würzsoßen ein Wok. Zu exotischen Vogelgeräuschen und chinesischer Oper beginnt sie – nicht ohne ihr Publikum zuvor mit einer leichten Verbeugung zu begrüßen – stoisch die Bedienungsanleitung für einen anderen, diesmal elektrischen Wok der US-amerikanischen Firma West Bend vorzulesen, den sie alsbald auf den Tisch hievt und mit dem sie das alte traditionelle asiatische Kochutensil scheinbar zu ersetzen gedenkt. Mehr


Diese Bedienungsanleitung – ein hanebüchener Text – versorgt Martha Roslers Video The East Is Red, the West Is Bending von 1977 mit einer Art Readymade-Skript. Wild werden Kochanleitungen, Sicherheitswarnungen, Reinigungstipps und Reparaturhinweise mit schwer erträglichen Stereotypen über asiatische Küche und Kultur vermischt. Da ist die Rede vom „orientalen“ Lebensstil und seinem traditionellen Fokus auf innerer Balance, von „exotischen“ Zutaten wie Ingwer oder Algen, der bewussten, aber effektvoll in Szene gesetzten Einfachheit der Lebensmittel, deren besonderer Zubereitung sowie immer wieder ganz allgemein (und schlimm verallgemeinernd) von Authentizität und Spiritualität.

Während sie liest, hält die Künstlerin Gemüse in die Kamera, hackt es zügig klein (die Anleitung empfiehlt schief, nicht gerade), präsentiert ein Fläschchen Sake, oder holt „Chinaware“, also Porzellan, aus dem Regal, mit dem man – dem Text der Broschüre entsprechend – seinen Gäst*innen eine stilechte Atmosphäre bieten soll. Dann und wann bricht sie mit ihrer Routine und stülpt sich, wie in einer kleinen humoristischen Einlage, den Deckel des knallroten neuen Woks wie einen jener traditionellen dreieckigen chinesischen Bambushüte auf den Kopf, hebt ihren Fuß mit den traditionellen chinesischen Stoffschuhen in die Kamera, sucht die Küche nach den in der Broschüre genannten Putzmitteln ab oder hält eine Reihe von Publikationen in die Kamera: eine Ausgabe der englischsprachigen Peking Review oder Bücher von Mao Tse Tung. „You remember him“, sagt sie trocken in die Kamera über den damals gerade erst verstorbenen großen Vorsitzenden der KP Chinas. 

Mit beißendem, subversivem Humor nimmt Martha Rosler hier also die groben Stereotypen der westlichen Aneignung vermeintlicher „fernöstlicher“ Kulturtechniken auseinander und bindet dabei Fragen des Essens, der Kulinarik sowie des damit zusammenhängenden Wert- und Statusgewinns auf Seiten des konsumierenden Publikums an die geopolitische Situation der Zeit und den damaligen Systemwettbewerb zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten zurück. Es ist eine Form der sezierenden Ideologiekritik, die ganz buchstäblich „am Küchentisch“ stattfindet und das komplexe große Ganze im Kleinen des vermeintlich Privaten spürbar macht. 

Dabei zeigt sich gerade auch die Verworrenheit, Vielschichtigkeit und bisweilen auch Widersprüchlichkeit in der Funktionsweise derartig komplexer Ideologeme. So handelt es sich hier eben nicht nur um eine hochgradig problematische kulturelle Appropriation, sondern auch um das Ausagieren westlicher Überlegenheits- und Fortschrittsfantasien, die gerade in der vermeintlichen Feier authentisch-einfacher „orientaler“ Kulinarik zum Ausdruck kommt – schließlich wird der elektrische US-Wok am Ende als bahnbrechende Neuheit und überlegene Weiterentwicklung gegenüber dem profanen traditionellen asiatischen Kochgerät präsentiert. Darüber hinaus wird aber auch die permanente Arbeit an der Perfektion greifbar, zu der man – als Konsument*in – im Sinne einer persönlichen Selbstoptimierung zwecks Statusgewinns und sozialer Validierung aufgefordert wird. Nicht umsonst wirkt die Protagonistin in The East Is Red, the West Is Bending am Ende derart wütend und überfordert, dass sie ihren Vortrag mit dem Aufruf beendet, den US-Wok doch bitte einfach wegzuwerfen. 

Bereits in anderen, vorangegangenen Arbeiten fungierte die Küche für Martha Rosler als zentraler Ort der ideologischen Auseinandersetzung – und Kochen als hochpolitischer Akt, an dem die Machtverhältnisse, vor allem natürlich die der Geschlechter, kondensieren. Mit Semiotics of the Kitchen hatte sie 1975 eine Inkunabel der feministischen Videokunst geschaffen, in der die Küche als paradigmatischer Raum weiblicher häuslicher Arbeit erscheint. Und bereits im Jahr zuvor hatte sie mit A Budding Gourmet eine Video-Collage realisiert, zu der eine monotone Frauenstimme von der Hoffnung und Erwartung erzählt, mittels Verbesserung und vor allem auch Internationalisierung ihrer Kochkünste ihr und ihrer Familie einen gesellschaftlichen Statusgewinn zu verschaffen.

The East Is Red, the West Is Bending scheint – als drittes Video in dieser Reihe – nun die Statusfrage mit dem medienreflexiven Set-Up des Fernsehküchenstudios zu verschneiden und das Augenmerk noch einmal sehr viel deutlicher auf die Verknüpfung der vermeintlich informellen (nichtsdestotrotz politischen) Ebene des Privaten mit der großen Bühne der „offiziellen“ Politik zu legen. Die kulturelle Übernahme einer „asiatischen Küche“ erscheint dabei – zumindest retrospektiv gesehen – weniger in Kontrast zur ideologischen Feindschaft zwischen den USA und China und zum Systemwettstreit zwischen Kapitalismus und Kommunismus als vielmehr passgenau eingebettet in die politischen Entwicklungen der Zeit: 1972 war mit dem strammen Antikommunisten Richard Nixon zum ersten Mal überhaupt ein US-amerikanischer Präsident ins kommunistische China gereist. Es war der Startschuss für eine Annäherung, die 1979 – zwei Jahre nach Martha Roslers Video – mit der vollständigen Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten den Weg für die spätere wirtschaftliche Öffnung ebnete.

Blickt man von heute auf dieses Video, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei The East Is Red, the West Is Bending just an der Schwelle zu ebenjener Epoche der Postmoderne, des Siegeszugs des (Neo)Liberalismus sowie der kulturellen wie wirtschaftlichen Globalisierung entstanden, die aktuell an ihr Ende zu kommen scheint. Abgelöst wird sie gerade von einer neuen Epoche der Abschottung, geopolitischen Neuordnung, des Aufstiegs Chinas als Macht der Zukunft und einer radikalkonservativen und rechten Re-Traditionalisierung (insbesondere auch entlang von Gender-Fragen) im alten Westen. 

Sucht man in Bezug auf das Kochen und die Küche nach Entsprechungen in der Gegenwart, so ließen sich – nur ein mögliches Beispiel – etwa die sogenannten „Trad-Wives“ nennen, jene perfekt zurechtgemachten und den klassischen Geschlechterrollen entsprechenden Frauen, die in ihren geräumig-aseptischen Social-Media-Küchen stehend scheinbar mühelos die aufwendigsten Gerichte für ihre Familie und vor allem ihren Mann zubereiten. Was dabei gekocht wird, ist nun hauptsächlich bodenständig und „traditionell amerikanisch-europäisch“ und hat so gar nichts mehr mit den internationalen – und tatsächlich häufig asiatisch inspirierten – Food-Trends zu tun, die über die letzten Jahrzehnte die Restaurants der Metropolen und die Küchen der liberal-weltläufigen Elite bestimmten. Der ideologische Knoten – die komplexe Verschaltung des Öffentlichen und des Privaten, der Wertproduktion und der Projektion, von Ost und West, harter Politik und kultureller Softpower, Individuum und Gesellschaft –, den Martha Rosler vor beinahe 50 Jahren thematisiert hat, ist alles andere als aufgelöst. Vielmehr wird anhand der brillanten und beißenden Kritik, mit der dieses Video die entsprechenden Strukturmechanismen offengelegt hat, deutlich, wie sich die einzelnen Stränge gerade einmal mehr neu miteinander verknüpfen. 

Martha Rosler lebt und arbeitet in Brooklyn, New York. Sie gilt als eine der einflussreichsten Künstler*innen ihrer Generation. Seit den 1960er Jahren setzt sie sich in ihren Fotomontagen, Videoarbeiten, Fotografien, Installationen und Texten mit Fragen des öffentlichen Raums und der Gentrifikation, mit Geschlechterpolitiken oder der medialen Wahrnehmung des Krieges auseinander und bezieht dabei stets klar politisch Position. Ihre Werke waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Biennalen zu sehen, darunter zweimal auf der documenta in Kassel (1982 und 2007) sowie auf der Biennale di Venezia (2003), bei den Skulptur Projekten Münster (2007) und in den großen Retrospektiven Positions in the Life World, die zwischen 1998 und 2000 in insgesamt fünf europäischen und US-amerikanischen Museen zu sehen war, und Irrespective im Jewish Museum, New York (2018). 

Text Dominikus Müller
Übersetzung Amy Patton

Martha Rosler
The East Is Red, The West Is Bending, 1977
Video, Farbe, Ton
20:25 Min.
Courtesy of Martha Rosler and Electronic Arts Intermix (EAI), New York.

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