25.26
Adrian Piper Adrian Moves to Berlin
Adrian Moves to Berlin
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Hier und da starrt mal jemand verstohlen herüber, für einen kurzen Moment nimmt ein Jugendlicher die Tanzbewegungen parodistisch auf, dann geht er weiter. Die Tram fährt durchs Bild, die Sonne scheint vom blauen Himmel, und das Baustellengerät im Hintergrund zeugt von der Stadt im Umbruch, die Berlin damals, vor beinahe 20 Jahren, ja auch war.
Zum Zeitpunkt der Performance hatte Adrian Piper den USA, wo sie geboren wurde, aufgewachsen ist und nicht nur seit den 1960er Jahren künstlerisch aktiv war, sondern als analytische Philosophin auch an verschiedenen Universitäten unterrichtet hatte, gerade dauerhaft den Rücken gekehrt. Wie schon der Titel ihres autobiografischen Buchs Escape to Berlin. A Travel Memoir (2018) nahelegt, handelte es sich dabei vielmehr um eine Flucht – vor dem strukturellen Rassismus und der institutionalisierten Diskriminierung in den USA, die Adrian Piper, die sich 2012 „entschied, vom Schwarz-Sein zurückzutreten“,¹ über Jahrzehnte kritisiert hatte. 2008, ein Jahr nach der Performance, sollte das Wellesley College ihre eigentlich entfristete Professur kündigen, da sie sich geweigert hatte, in die USA zurückzukehren, solange ihr Name dort auf einer offiziellen Liste sogenannter „verdächtiger Reisender“ stand.
Adrian Moves to Berlin kann aber nicht nur als direkter Verweis auf den „move“, den Umzug der Künstlerin nach Berlin verstanden werden, sondern auch in dem Sinn, dass sie sich hier „zu Berlin bewegt“, genauer: zum Sound der Stadt. In einem kurzen Text zur Arbeit auf ihrer Webseite ist zu lesen, dass es sich bei der Musik, zu der sie damals tanzte, um „ausgewählte Berliner House-Musik der frühen 2000er Jahre“ ² handelt – und damit letztlich um eine Musik, die ihrerseits viel Schwarzer US-amerikanischer Clubmusik verdankt. Die Performance zollt insofern nicht nur der Rolle Tribut, die Clubs im Berlin nach dem Mauerfall für die Begegnung zwischen Ost und West spielten, wie es in gerade genanntem Text weiter heißt, sondern auch dem tieferliegenden transatlantischen Kulturaustausch zwischen Berliner Clubkultur und Musikstilen, die in den USA sehr viel marginalisierter waren.
(Hier nur nebenbei erwähnt: Dass dieser kurze Text das Wort „work“, also Arbeit, zentral setzt, als deren Feier diese „Arbeit“ ebenso zu verstehen sei wie als Hommage an Ostberlin als Hauptstadt eines untergegangenen Arbeiter:innenstaates, ließe sich zudem als weiteres Spiel mit der schillernden Bedeutung des Begriffs auf der Achse USA-Deutschland decodieren: Denn wenn im Kontext USamerikanischer und insbesondere queerer Schwarzer Clubkultur von „work it“, „work your body“ oder dergleichen die Rede ist, dann kann man dies zum einen natürlich als direkte Aufforderung zum Tanz verstehen, aber eben auch als mehrfach kodierten Verweis auf die vielgestaltige „Arbeit des Körpers“ als einer unhintergehbaren und in ökonomische, sexuelle, rassifizierte Regime eingebundenen Instanz.)
Ohnehin taucht Musik im künstlerischen Werk von Adrian Piper spätestens seit den 1970er Jahren immer wieder auf. Mal kann man sie als Markierung kultureller Differenzen und Hierarchien begreifen, mal als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung, aber auch als Mittel zur Herstellung temporärer Situationen grenzüberschreitender Gemeinsamkeit. Nachdem sie in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zunächst im Kontext der Concept Art begonnen hatte, wandte sich Adrian Piper – die in jungen Jahren übrigens in New Yorker Diskotheken als Tänzerin gejobbt hatte – immer stärker Fragen von Rassismus und geschlechterspezifischer Repression zu und band diese oft in didaktische oder experimentelle Settings ein, die allgemeinere Überlegungen zu gesellschaftlicher Positionierung, spezifischer Perspektive und abstrakten Systemen anregten.
Im Hinblick auf Adrian Moves to Berlin sei hier insbesondere ein zentrales Werk erwähnt: die mehrfach durchgeführte, auf Video dokumentierte und in Form einer Diskussionsveranstaltung später noch einmal verhandelte Performance Funk Lessons, die 1983 zum ersten Mal stattfand. Adrian Piper unterrichtet hierbei das Publikum im Tanz zu Funk-Musik. Sie zerlegt in bewusst didaktischer Manier vermeintlich „intuitive“ Tanzbewegungen in konkrete, lehrbare Schritte und vermittelt Geschichte und Kontext dieser aus einer Schwarzen Arbeiter:innenkultur kommenden und in der US-amerikanischen Mittelschicht damals weitgehend abgelehnten Musik. Irgendwann löst sich das Ganze in eine lockere Party auf. Alle tanzen, sinken anscheinend vom Kopf in den Körper – und die entlang der Kategorien von Klasse und race gezogenen Grenzen scheinen zumindest für einen kurzen Moment außer Kraft gesetzt zu werden. Die Arbeit wirkt, als habe man es hier mit einer konkreten, aus der Kraft der Musik gespeisten Übung für eine offenere, tolerantere Gesellschaft zu tun, die trotz allen Aufgehens im Moment ihren spezifischen Kontext und Hintergrund nicht vergessen lässt, sondern vielmehr auf ihm aufbaut, aus ihm heraus entwickelt wird.
Und so steht man nun – wie damals auf dem Alexanderplatz – auch bei ajh.pm vor dem Schaufenster im öffentlichen Raum und guckt Adrian Piper beim Tanzen zu. Mit dem Unterschied, dass, wer nahe genug herantritt, nun auch die Musik hört, zu der sie im Video tanzt. Nichts spricht dagegen, sich einzuklinken und selbst auf der Straße zu tanzen. Und doch setzt der offensichtliche Kunstrahmen, die mediale Vermittlung sowie die zusätzlichen Informationen nun eine Ebene der intellektuellen Reflexion in Gang, die den Passant:innen im ursprünglichen Kontext der Performance vielleicht nicht in diesem Maße zugänglich war. Wie in einer experimentellen Versuchsanordnung findet man sich auf die eigene Position zurückgeworfen und fragt nach seiner eigenen Rolle und Verortung. Doch Kopf und Körper müssen sich nicht ausschließen. In der körperlichen Bewegung werden auch die Gedanken in Schwingung versetzt – und sei es in Form einer zeitweisen Suspension, wie ein in die Luft geworfener Arm, ein balancierender Schritt zur Seite.
Adrian Piper (geb. 1948, USA) begann in den 1960er Jahren mit konzeptuellen Arbeiten, in die sie bald politische Themen wie Fragen von Rassismus und der Geschlechterrollen einbrachte. Parallel zu ihrer künstlerischen Arbeit verfolgte Adrian Piper eine akademische Karriere als analytische Philosophin und wurde als solche mit zahlreichen Forschungsstipendien ausgezeichnet. Nach ihrer Promotion an der Harvard University 1981 unterrichtete sie an verschiedenen Universitäten in den USA, bis ihr 2008 ihr damaliger Arbeitgeber, das Wellesley College, die Professur kündigte, da sie sich geweigert hatte, aus Berlin, wo sie seit 2005 lebt und arbeitet, in die USA zurückzukehren, solange sie dort auf einer offiziellen Liste „verdächtiger Reisender“ stand. Für ihre künstlerische Arbeit wurde Adrian Piper mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2015 mit dem Goldenen Löwen der Biennale di Venezia, 2018 mit dem Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste, deren Mitglied sie seitdem ist, 2021 mit dem Goslarer Kaiserring und 2023 mit der Harvard Arts Medal. Ihre Arbeiten befinden sich in zahlreichen Sammlungen, darunter im MoMA und dem Metropolitan Museum of Art, beide New York, dem Centre Pompidou, Paris, oder dem Museum of Contemporary Art of Los Angeles, und wurden in mehreren großangelegten Retrospektiven gezeigt, darunter etwa 2018 im MoMA New York. Im März 2024 eröffnete mit RACE TRAITOR ihre jüngste retrospektive Ausstellung bei PAC Milan.
Zum Zeitpunkt der Performance hatte Adrian Piper den USA, wo sie geboren wurde, aufgewachsen ist und nicht nur seit den 1960er Jahren künstlerisch aktiv war, sondern als analytische Philosophin auch an verschiedenen Universitäten unterrichtet hatte, gerade dauerhaft den Rücken gekehrt. Wie schon der Titel ihres autobiografischen Buchs Escape to Berlin. A Travel Memoir (2018) nahelegt, handelte es sich dabei vielmehr um eine Flucht – vor dem strukturellen Rassismus und der institutionalisierten Diskriminierung in den USA, die Adrian Piper, die sich 2012 „entschied, vom Schwarz-Sein zurückzutreten“,¹ über Jahrzehnte kritisiert hatte. 2008, ein Jahr nach der Performance, sollte das Wellesley College ihre eigentlich entfristete Professur kündigen, da sie sich geweigert hatte, in die USA zurückzukehren, solange ihr Name dort auf einer offiziellen Liste sogenannter „verdächtiger Reisender“ stand.
Adrian Moves to Berlin kann aber nicht nur als direkter Verweis auf den „move“, den Umzug der Künstlerin nach Berlin verstanden werden, sondern auch in dem Sinn, dass sie sich hier „zu Berlin bewegt“, genauer: zum Sound der Stadt. In einem kurzen Text zur Arbeit auf ihrer Webseite ist zu lesen, dass es sich bei der Musik, zu der sie damals tanzte, um „ausgewählte Berliner House-Musik der frühen 2000er Jahre“ ² handelt – und damit letztlich um eine Musik, die ihrerseits viel Schwarzer US-amerikanischer Clubmusik verdankt. Die Performance zollt insofern nicht nur der Rolle Tribut, die Clubs im Berlin nach dem Mauerfall für die Begegnung zwischen Ost und West spielten, wie es in gerade genanntem Text weiter heißt, sondern auch dem tieferliegenden transatlantischen Kulturaustausch zwischen Berliner Clubkultur und Musikstilen, die in den USA sehr viel marginalisierter waren.
(Hier nur nebenbei erwähnt: Dass dieser kurze Text das Wort „work“, also Arbeit, zentral setzt, als deren Feier diese „Arbeit“ ebenso zu verstehen sei wie als Hommage an Ostberlin als Hauptstadt eines untergegangenen Arbeiter:innenstaates, ließe sich zudem als weiteres Spiel mit der schillernden Bedeutung des Begriffs auf der Achse USA-Deutschland decodieren: Denn wenn im Kontext USamerikanischer und insbesondere queerer Schwarzer Clubkultur von „work it“, „work your body“ oder dergleichen die Rede ist, dann kann man dies zum einen natürlich als direkte Aufforderung zum Tanz verstehen, aber eben auch als mehrfach kodierten Verweis auf die vielgestaltige „Arbeit des Körpers“ als einer unhintergehbaren und in ökonomische, sexuelle, rassifizierte Regime eingebundenen Instanz.)
Ohnehin taucht Musik im künstlerischen Werk von Adrian Piper spätestens seit den 1970er Jahren immer wieder auf. Mal kann man sie als Markierung kultureller Differenzen und Hierarchien begreifen, mal als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung, aber auch als Mittel zur Herstellung temporärer Situationen grenzüberschreitender Gemeinsamkeit. Nachdem sie in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zunächst im Kontext der Concept Art begonnen hatte, wandte sich Adrian Piper – die in jungen Jahren übrigens in New Yorker Diskotheken als Tänzerin gejobbt hatte – immer stärker Fragen von Rassismus und geschlechterspezifischer Repression zu und band diese oft in didaktische oder experimentelle Settings ein, die allgemeinere Überlegungen zu gesellschaftlicher Positionierung, spezifischer Perspektive und abstrakten Systemen anregten.
Im Hinblick auf Adrian Moves to Berlin sei hier insbesondere ein zentrales Werk erwähnt: die mehrfach durchgeführte, auf Video dokumentierte und in Form einer Diskussionsveranstaltung später noch einmal verhandelte Performance Funk Lessons, die 1983 zum ersten Mal stattfand. Adrian Piper unterrichtet hierbei das Publikum im Tanz zu Funk-Musik. Sie zerlegt in bewusst didaktischer Manier vermeintlich „intuitive“ Tanzbewegungen in konkrete, lehrbare Schritte und vermittelt Geschichte und Kontext dieser aus einer Schwarzen Arbeiter:innenkultur kommenden und in der US-amerikanischen Mittelschicht damals weitgehend abgelehnten Musik. Irgendwann löst sich das Ganze in eine lockere Party auf. Alle tanzen, sinken anscheinend vom Kopf in den Körper – und die entlang der Kategorien von Klasse und race gezogenen Grenzen scheinen zumindest für einen kurzen Moment außer Kraft gesetzt zu werden. Die Arbeit wirkt, als habe man es hier mit einer konkreten, aus der Kraft der Musik gespeisten Übung für eine offenere, tolerantere Gesellschaft zu tun, die trotz allen Aufgehens im Moment ihren spezifischen Kontext und Hintergrund nicht vergessen lässt, sondern vielmehr auf ihm aufbaut, aus ihm heraus entwickelt wird.
Und so steht man nun – wie damals auf dem Alexanderplatz – auch bei ajh.pm vor dem Schaufenster im öffentlichen Raum und guckt Adrian Piper beim Tanzen zu. Mit dem Unterschied, dass, wer nahe genug herantritt, nun auch die Musik hört, zu der sie im Video tanzt. Nichts spricht dagegen, sich einzuklinken und selbst auf der Straße zu tanzen. Und doch setzt der offensichtliche Kunstrahmen, die mediale Vermittlung sowie die zusätzlichen Informationen nun eine Ebene der intellektuellen Reflexion in Gang, die den Passant:innen im ursprünglichen Kontext der Performance vielleicht nicht in diesem Maße zugänglich war. Wie in einer experimentellen Versuchsanordnung findet man sich auf die eigene Position zurückgeworfen und fragt nach seiner eigenen Rolle und Verortung. Doch Kopf und Körper müssen sich nicht ausschließen. In der körperlichen Bewegung werden auch die Gedanken in Schwingung versetzt – und sei es in Form einer zeitweisen Suspension, wie ein in die Luft geworfener Arm, ein balancierender Schritt zur Seite.
Adrian Piper (geb. 1948, USA) begann in den 1960er Jahren mit konzeptuellen Arbeiten, in die sie bald politische Themen wie Fragen von Rassismus und der Geschlechterrollen einbrachte. Parallel zu ihrer künstlerischen Arbeit verfolgte Adrian Piper eine akademische Karriere als analytische Philosophin und wurde als solche mit zahlreichen Forschungsstipendien ausgezeichnet. Nach ihrer Promotion an der Harvard University 1981 unterrichtete sie an verschiedenen Universitäten in den USA, bis ihr 2008 ihr damaliger Arbeitgeber, das Wellesley College, die Professur kündigte, da sie sich geweigert hatte, aus Berlin, wo sie seit 2005 lebt und arbeitet, in die USA zurückzukehren, solange sie dort auf einer offiziellen Liste „verdächtiger Reisender“ stand. Für ihre künstlerische Arbeit wurde Adrian Piper mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2015 mit dem Goldenen Löwen der Biennale di Venezia, 2018 mit dem Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste, deren Mitglied sie seitdem ist, 2021 mit dem Goslarer Kaiserring und 2023 mit der Harvard Arts Medal. Ihre Arbeiten befinden sich in zahlreichen Sammlungen, darunter im MoMA und dem Metropolitan Museum of Art, beide New York, dem Centre Pompidou, Paris, oder dem Museum of Contemporary Art of Los Angeles, und wurden in mehreren großangelegten Retrospektiven gezeigt, darunter etwa 2018 im MoMA New York. Im März 2024 eröffnete mit RACE TRAITOR ihre jüngste retrospektive Ausstellung bei PAC Milan.
Text Dominikus Müller
Adrian Piper
Adrian Moves to Berlin
2007, Performance, 2017, Videoprojektion
Endlosschleife als Videoprojektion (Farbe, Sound)
01:02:42 Min.
Video Robert Del Principe
Sammlung Adrian Piper Research Archive Foundation
© Adrian Piper Research Archive Foundation
1 http://www.adrianpiper.com/edinburgh/news_sep_2012.shtml, last accessed 13 March 2026; see also: http://www.adrianpiper.com/edinburgh/removed-and-reconstructed-en.wikipedia-biography.shtml, last accessed 13 March 2026.
2 http://www.adrianpiper.com/edinburgh/vs/video_am.shtml, last accessed 13 March 2026.
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Adrian Piper
Adrian Moves to Berlin
2007, Performance, 2017, Videoprojektion
Endlosschleife als Videoprojektion (Farbe, Sound)
01:02:42 Min.
Video Robert Del Principe
Sammlung Adrian Piper Research Archive Foundation
© Adrian Piper Research Archive Foundation
1 http://www.adrianpiper.com/edinburgh/news_sep_2012.shtml, last accessed 13 March 2026; see also: http://www.adrianpiper.com/edinburgh/removed-and-reconstructed-en.wikipedia-biography.shtml, last accessed 13 March 2026.
2 http://www.adrianpiper.com/edinburgh/vs/video_am.shtml, last accessed 13 March 2026.