24.25
Christine Gensheimer Work in ProRes
Work in ProRes
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Das Wortspiel auf „Work in Progress“, also auf eine fortlaufende und vorläufige Arbeit, das sich zudem im Titel verbirgt, wird damit in Richtung einer ganz konkreten, zwar latent ironischen, aber auch wahren Beschreibung dessen gebogen, worin die tagtäglich fortlaufende Arbeit einer Animationskünstlerin zu nicht geringen Teilen eben besteht, nämlich im Hantieren mit bestimmten Tools, die im Sinne von Produktionsverhältnissen dieses oder jenes ermöglichen – und anderes auch wieder verunmöglichen.
Der direkte Verweis auf die technologischen Rahmenbedingungen digitaler Bildbearbeitung bekommt im Fall von Christine Gensheimers Arbeit aber noch einmal einen besonderen Dreh. Verorten sich die Filme dieser Künstlerin doch gerade in den Übergängen vom Analogen ins Digitale, in einer verwirrenden Gleichzeitigkeit überlappender Dispositive, oder besser: im Hineinragen des Alten ins Neue, das stets auch mit der (bisweilen leicht melancholischen) Erinnerung an das eingeht, was einmal selbstverständlich war und nun, herausgelöst aus dieser Selbstverständlichkeit und sozusagen „denaturalisiert“, mit Abstand (her)ausgestellt und betrachtet werden kann – um den Preis aber, dass es sich vom neuen Dispositiv als Bedingung seiner Präsentation und Linse der Betrachtung nie trennen lässt. Dieses Stauchen und Biegen des einen ins andere resultiert letztlich in einem auffälligen Verschmelzen, in einer Ästhetik des medientechnisch Hybriden.
Man sieht das insbesondere an den spezifischen Texturen von Christine Gensheimers Animationsfilmen, die als Look und Stil der meist vage gehaltenen, irgendwie traumartigen und offenen Handlung im Sinne eines „Inhalts“ quasi gleichgestellt sind. (Dieser herausgehobene Stellenwert der Oberfläche macht ihre Filme, die nicht selten als Musikvideos entstehen, auch selbst zu „Pop“.) Ihr Rohmaterial findet die Künstlerin in analogen Drucksachen – von Bildbänden mit mittelalterlicher Kunst über Computerzeitschriften und andere Special-Interest-Publikationen bis hin zu Lehrbüchern für Kinder. Ein zentrales Arbeitsgerät Christine Gensheimers ist dann auch der Scanner, jene Brückentechnologie, mit der sich analoges, „dinghaftes“ Material aus der Welt des Drucks in die vermeintlich unkörperliche und bildschirmbasierte Welt des Digitalen überführen lässt. Anschließend setzt sie nach dem Baukastenprinzip aus den einzelnen Elementen neue Bilder, aus den Flächen Räume und aus Armen, Beinen, Rümpfen, Köpfen neue Körper zusammen.
Die so entstehenden Bilder tragen dabei die Signatur des Analogen ins Digitale hinüber. Immer wieder scheint schwach der Text von der Rückseite des eingescannten Materials durch – wie verwehte Spuren des ursprünglichen Kontexts, die auf ein (gar nicht mal allzu fernes) Gestern unter dem Heute verweisen. Zudem setzt Christine Gensheimer die Rasterpunkte des Offsetdrucks als bewusstes Stilmittel ein, das ihren Bildern bei entsprechender Vergrößerung eine distinkte „Rauheit“ und absichtliche Unnatürlichkeit gibt – auch wenn diese analoge „Körnung“ unter digitalen Bedingungen seltsam glatt und (entgegen den landläufigen Assoziationen) nur noch künstlicher erscheint. Überhaupt ist Work in ProRes weit davon entfernt, mit den Mitteln des Digitalen das Analoge zu simulieren und damit nostalgisch zu verklären. Hier wird vielmehr gerade das gegenseitige und nie ganz aufgehende Ineinanderschieben beider Ästhetiken sichtbar. Und so wirkt vieles auf distinkte Art verbogen und verdreht. Die schematisch-ungelenken Bewegungen der klassischen Stop-Motion tun ihr übriges dazu.
Überhaupt: die Animation. Auch darauf verweist diese Arbeit schon im Titel, lässt sich der „Progress“, der sich hinter dem „ProRes“ wie hinter einem Schreibfehler versteckt, auch als beständiges Fortschreiten verstehen, als jene Bewegung, die dem Animationsfilm elementar zugrunde liegt. So sieht man den Figuren des Films dabei zu, wie sie, begleitet vom Elektropop-Soundtrack der in Berlin ansässigen Musikerin Saeko Killy und gekleidet in hippe Hosen von Adidas und klobige Schuhe von Buffalo, in Form eines mäandernden Spaziergangs durch sich ständig verändernde Bildräume stolpern. Sie gehen Treppen hinauf, die sich teilen und verzweigen wie auf Piranesi- oder MC-Escher-Drucken, laufen durch mal mehr, mal weniger abstrakte Wohnräume, die nach einfachsten Prämissen aus unterschiedlichen Flächen gebaut wurden, schlendern die Straße entlang und wieder zurück. Sie steigen in grandios verbeulte, fast schon kubistisch ineinandergeschobene Autos, die aussehen, als wären sie mit sich selbst zusammengeknallt, und brausen davon. Sie wischen über die Screens von Telefonen und Tablets (die hier in einer ironischen Wendung natürlich aus gedruckten Zeitschriften gescannt wurden), bis sich mitten im Bild neue Räume öffnen, ja beinahe herauszustülpen scheinen. Es ist ein Gehen ohne rechtes Ziel, ein ständiges Sich-Bewegen, in diesem geloopten Film auch ganz buchstäblich ein Gehen im Kreis. Dabei ist man sich nie sicher, ob man nun drinnen oder draußen ist, im Raum oder in der Fläche, im Analogen oder im Digitalen. Oder in beidem zugleich.
Wenn man so will, ließe sich dieser Loop in Work in ProRes, dieses ständige Verwandeln und das verschlingende Hineinnehmen der einen Dimension in die andere bis in den Realraum der Präsentation bei ajh.pm ausdehnen. Denn dieser Ausstellungsraum, der mit dieser Schau sein fünfjähriges Jubiläum begeht, gehorcht seinerseits einer Logik des Bildes im Raum, macht er die ausgestellten Bewegbild-Arbeiten außerhalb der Öffnungszeiten durch sein großes Fenster doch auch von außen verfügbar, stellt sein Bild also sozusagen in den Stadtraum. Und so findet man sich in einer eigentümliche Verschränkung selbst auf der Straße wieder und guckt hinein durch ein rahmendes Fenster auf eine Leinwand. Und dort sieht man dann, durch einen Rahmen in einem Rahmen, wie Figuren sich ihrerseits durch den öffentlichen Raum bewegen, die Straße entlang, und auf den Bildschirmen ihrer Geräten herumwischen. Bis dort ein weiteres Bild erscheint, ein neuer Raum sich öffnet. Hineinstülpt, hinausstülpt. Das Drinnen ins Draußen, ein Gestern ins Heute. Hin und Her. Und wieder von vorne.
Christine Gensheimer (geb. 1976 in Frankfurt/Main) lebt und arbeitet in Bielefeld. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kunstmuseum Wolfsburg, der Kunsthalle Düsseldorf und im Bielefelder Kunstverein gezeigt. Dazu kommen Präsentationen ihrer Videoarbeiten auf zahlreichen Filmfestivals, zuletzt bei den 70. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen, dem European Union Short Film Festival in Ottawa und dem Filmfest Dresden. Ihre Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen wie der Sammlung der Kunsthalle Bielefeld, der Sammlung Viehof oder der Sammlung Stiftung für die Linie vertreten. Seit 2005 produziert Christine Gensheimer gemeinsam mit Timo Katz Animationsfilme für die Sendung Karambolage auf Arte sowie für unterschiedliche Museen. Sie hat zahlreiche Musikvideos für Musiker:innen wie Jaakko Eino Kalevi, Sean Armstrong (Spinning Coin, Slipper) und Saeko Killy realisiert.
Der direkte Verweis auf die technologischen Rahmenbedingungen digitaler Bildbearbeitung bekommt im Fall von Christine Gensheimers Arbeit aber noch einmal einen besonderen Dreh. Verorten sich die Filme dieser Künstlerin doch gerade in den Übergängen vom Analogen ins Digitale, in einer verwirrenden Gleichzeitigkeit überlappender Dispositive, oder besser: im Hineinragen des Alten ins Neue, das stets auch mit der (bisweilen leicht melancholischen) Erinnerung an das eingeht, was einmal selbstverständlich war und nun, herausgelöst aus dieser Selbstverständlichkeit und sozusagen „denaturalisiert“, mit Abstand (her)ausgestellt und betrachtet werden kann – um den Preis aber, dass es sich vom neuen Dispositiv als Bedingung seiner Präsentation und Linse der Betrachtung nie trennen lässt. Dieses Stauchen und Biegen des einen ins andere resultiert letztlich in einem auffälligen Verschmelzen, in einer Ästhetik des medientechnisch Hybriden.
Man sieht das insbesondere an den spezifischen Texturen von Christine Gensheimers Animationsfilmen, die als Look und Stil der meist vage gehaltenen, irgendwie traumartigen und offenen Handlung im Sinne eines „Inhalts“ quasi gleichgestellt sind. (Dieser herausgehobene Stellenwert der Oberfläche macht ihre Filme, die nicht selten als Musikvideos entstehen, auch selbst zu „Pop“.) Ihr Rohmaterial findet die Künstlerin in analogen Drucksachen – von Bildbänden mit mittelalterlicher Kunst über Computerzeitschriften und andere Special-Interest-Publikationen bis hin zu Lehrbüchern für Kinder. Ein zentrales Arbeitsgerät Christine Gensheimers ist dann auch der Scanner, jene Brückentechnologie, mit der sich analoges, „dinghaftes“ Material aus der Welt des Drucks in die vermeintlich unkörperliche und bildschirmbasierte Welt des Digitalen überführen lässt. Anschließend setzt sie nach dem Baukastenprinzip aus den einzelnen Elementen neue Bilder, aus den Flächen Räume und aus Armen, Beinen, Rümpfen, Köpfen neue Körper zusammen.
Die so entstehenden Bilder tragen dabei die Signatur des Analogen ins Digitale hinüber. Immer wieder scheint schwach der Text von der Rückseite des eingescannten Materials durch – wie verwehte Spuren des ursprünglichen Kontexts, die auf ein (gar nicht mal allzu fernes) Gestern unter dem Heute verweisen. Zudem setzt Christine Gensheimer die Rasterpunkte des Offsetdrucks als bewusstes Stilmittel ein, das ihren Bildern bei entsprechender Vergrößerung eine distinkte „Rauheit“ und absichtliche Unnatürlichkeit gibt – auch wenn diese analoge „Körnung“ unter digitalen Bedingungen seltsam glatt und (entgegen den landläufigen Assoziationen) nur noch künstlicher erscheint. Überhaupt ist Work in ProRes weit davon entfernt, mit den Mitteln des Digitalen das Analoge zu simulieren und damit nostalgisch zu verklären. Hier wird vielmehr gerade das gegenseitige und nie ganz aufgehende Ineinanderschieben beider Ästhetiken sichtbar. Und so wirkt vieles auf distinkte Art verbogen und verdreht. Die schematisch-ungelenken Bewegungen der klassischen Stop-Motion tun ihr übriges dazu.
Überhaupt: die Animation. Auch darauf verweist diese Arbeit schon im Titel, lässt sich der „Progress“, der sich hinter dem „ProRes“ wie hinter einem Schreibfehler versteckt, auch als beständiges Fortschreiten verstehen, als jene Bewegung, die dem Animationsfilm elementar zugrunde liegt. So sieht man den Figuren des Films dabei zu, wie sie, begleitet vom Elektropop-Soundtrack der in Berlin ansässigen Musikerin Saeko Killy und gekleidet in hippe Hosen von Adidas und klobige Schuhe von Buffalo, in Form eines mäandernden Spaziergangs durch sich ständig verändernde Bildräume stolpern. Sie gehen Treppen hinauf, die sich teilen und verzweigen wie auf Piranesi- oder MC-Escher-Drucken, laufen durch mal mehr, mal weniger abstrakte Wohnräume, die nach einfachsten Prämissen aus unterschiedlichen Flächen gebaut wurden, schlendern die Straße entlang und wieder zurück. Sie steigen in grandios verbeulte, fast schon kubistisch ineinandergeschobene Autos, die aussehen, als wären sie mit sich selbst zusammengeknallt, und brausen davon. Sie wischen über die Screens von Telefonen und Tablets (die hier in einer ironischen Wendung natürlich aus gedruckten Zeitschriften gescannt wurden), bis sich mitten im Bild neue Räume öffnen, ja beinahe herauszustülpen scheinen. Es ist ein Gehen ohne rechtes Ziel, ein ständiges Sich-Bewegen, in diesem geloopten Film auch ganz buchstäblich ein Gehen im Kreis. Dabei ist man sich nie sicher, ob man nun drinnen oder draußen ist, im Raum oder in der Fläche, im Analogen oder im Digitalen. Oder in beidem zugleich.
Wenn man so will, ließe sich dieser Loop in Work in ProRes, dieses ständige Verwandeln und das verschlingende Hineinnehmen der einen Dimension in die andere bis in den Realraum der Präsentation bei ajh.pm ausdehnen. Denn dieser Ausstellungsraum, der mit dieser Schau sein fünfjähriges Jubiläum begeht, gehorcht seinerseits einer Logik des Bildes im Raum, macht er die ausgestellten Bewegbild-Arbeiten außerhalb der Öffnungszeiten durch sein großes Fenster doch auch von außen verfügbar, stellt sein Bild also sozusagen in den Stadtraum. Und so findet man sich in einer eigentümliche Verschränkung selbst auf der Straße wieder und guckt hinein durch ein rahmendes Fenster auf eine Leinwand. Und dort sieht man dann, durch einen Rahmen in einem Rahmen, wie Figuren sich ihrerseits durch den öffentlichen Raum bewegen, die Straße entlang, und auf den Bildschirmen ihrer Geräten herumwischen. Bis dort ein weiteres Bild erscheint, ein neuer Raum sich öffnet. Hineinstülpt, hinausstülpt. Das Drinnen ins Draußen, ein Gestern ins Heute. Hin und Her. Und wieder von vorne.
Christine Gensheimer (geb. 1976 in Frankfurt/Main) lebt und arbeitet in Bielefeld. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kunstmuseum Wolfsburg, der Kunsthalle Düsseldorf und im Bielefelder Kunstverein gezeigt. Dazu kommen Präsentationen ihrer Videoarbeiten auf zahlreichen Filmfestivals, zuletzt bei den 70. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen, dem European Union Short Film Festival in Ottawa und dem Filmfest Dresden. Ihre Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen wie der Sammlung der Kunsthalle Bielefeld, der Sammlung Viehof oder der Sammlung Stiftung für die Linie vertreten. Seit 2005 produziert Christine Gensheimer gemeinsam mit Timo Katz Animationsfilme für die Sendung Karambolage auf Arte sowie für unterschiedliche Museen. Sie hat zahlreiche Musikvideos für Musiker:innen wie Jaakko Eino Kalevi, Sean Armstrong (Spinning Coin, Slipper) und Saeko Killy realisiert.
Text Dominikus Müller
Übersetzung Amy Patton
Work in ProRes, 2025
Video Loop, HD, 04:21 Min.
Sound und Musik Saeko Killy
Courtesy Christine Gensheimer
Fotos Philipp Ottendörfer
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Übersetzung Amy Patton
Work in ProRes, 2025
Video Loop, HD, 04:21 Min.
Sound und Musik Saeko Killy
Courtesy Christine Gensheimer
Fotos Philipp Ottendörfer