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8.22 Yael Bartana
The Undertaker

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8.22 Yael Bartana
The Undertaker
15.4.–14.6.22
Mit provokativer Ambivalenz verbindet Yael Bartana Feminismus und kollektives Nationalbewusstsein in bildgewaltigen und narrativ fiktiven Konstellationen. Ihre Filme, Installationen, Fotografien und Performances untersuchen in ihrer Bildsprache die Konstruktion von Identität und Gedenkpolitik – insbesondere in Israel. Mehr
 Wichtig für ihre Arbeit sind die Bedeutungen von Begriffen wie etwa „Heimat“ oder „Zugehörigkeit“. Die Künstlerin geht diesen Bedeutungen anhand von Zeremonien, öffentlichen Ritualen und sozialen Praktiken nach, die dazu dienen sollen, die kollektive Identität in einem Nationalstaat zu stärken. Dabei greift sie auf die Synthese von Faktischem und Fiktivem zurück, dekonstruiert dabei sowohl die fundamentalisch orientierten israelischen, als auch die westlich geprägten Vorstellungen und Narrative. Yael Bartana entwickelt poetische Metaphern für die gegenseitige Bedingtheit kultureller Identitäten, die auch ihren persönlichen Dialog zwischen den Kulturen beschreiben.

Ein Friedhof dient im Video The Undertaker, 2019, als zentraler Schauplatz für eine militärische Beerdigungszeremonie, wobei keine Soldaten zu Grabe getragen werden. Anstelle von menschlichen Körpern entledigt sich eine gemischte Armee ihrer Feuerwaffen und beerdigt diese würdevoll. Die Soldat*innen tragen alle tunikaähnliche Kleider in einer Variation von Beigetönen, sodass sie einen uniform schreitenden Organismus bilden. In verschiedenen Sequenzen wird eine Prozession durch die nordamerikanische Stadt Philadelphia gezeigt, die als öffentliche Performance mit dem Titel Bury Our Weapons, Not Our Bodies! im Jahr 2019 durchgeführt wurde. Philadelphia, der Geburtsort der amerikanischen Demokratie, spielt eine herausragende Rolle, wenn sich diese Gruppe von Tänzer*innen, Kriegsveteran*innen und Aktivist*innen aus einer Vielzahl lokaler Gemeinschaften durch die historische Kulisse der Stadt bewegt. Angeführt wird dieser Umzug von einer charismatischen, androgynen, in einem schwarzen Hosenanzug gekleideten Anführerin mit offenen weißen Haaren. Die Künstlerin setzt hier bewusst eine weibliche Protagonistin als Gegenfigur zum stereotypen politischen Leader ein. So wie auch in ihren jüngsten Videoarbeiten und Performances What if Women Ruled the World?, 2017, und Two Minutes to Midnight, 2021, verbindet sie fiktive Schauplätze mit Personen aus dem wirklichen Leben zu einem komplexen Handlungssetting, um dadurch feministische Alternativen zu überkommenen Konzepten von Patriarchat und Macht zu erproben.

Das Spiel mit Gegensätzen und Dichotomien wird durch das Militärische und das Tänzerische fortgesetzt: An verschiedenen Stellen im Video ist eine Gruppe von Tänzerinnen zu beobachten, die gleichzeitig einfache Bewegungsabfolgen und Gesten ausführen. Sie stammen von der israelischen Choreographin, Tanzpädagogin und Künstlerin Noa Eshkol (1924–2007) und zitieren Fragmente aus einer Aufführung von 1953 zum Gedenken an den Holocaust. Im Gegensatz zur Gleichmacherei des Subjekts in der Armee tritt hier das Individuum aus der Gleichförmigkeit  der Bewegungen heraus und behält dennoch seine persönliche Einzigartigkeit. Insgesamt überwiegt in der Videoarbeit ein würdevoller Charakter, der sich an den ernsthaften Gesichtern und den stolz schreitenden Körpern in der uniformierten Gruppe ablesen lässt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die gewählten Schauplätze wie Friedhof oder Treppe vor Tempelarchitektur, die auf das Existenzielle des Menschen (Leben und Tod) hinweisen.

Die allegorischen Inszenierungen erhalten durch Schnittrhythmus und Soundregie geradezu einen monumentalen Charakter. Denn neben den bildgewaltigen Aufnahmen, überlagern sich auf der Tonebene, je nach Sequenz, militärisch komponierte Musikelemente mit den Echtzeit-O-Tönen. Doch zu keiner Zeit wird gesprochen oder gesungen; die menschliche Sprache scheint in dieser Welt nicht existent zu sein. Auch die getanzten Stücke werden größtenteils nur von Naturgeräuschen begleitet. So gelingt es Yael Bartana durch diese formalen Stilelemente auf eindrückliche Weise eine nicht enden wollende Spannung beim Betrachtenden aufrecht zu erhalten und durch diese Reduktion das Unsagbare zu verleiblichen. Das, was sich in die Körper eingeschrieben hat, wie etwa kollektive Erinnerungen, Erfahrungen oder Traumata, werden nicht ausgesprochen, bleiben unter Spannung.

Yael Bartana (*1970 in Kfar Yehezkel, Israel, lebt und arbeitet in Amsterdam/Berlin) studierte an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem und an der School of Visual Arts in New York. Zuletzt hatte sie international zahlreiche Einzelausstellungen, unter anderen im Jüdischen Museum, Berlin (2021); in der Fondazione Modena Arti Visive, Modena (2019/2020); im Philadelphia Museum of Art (2018); im Stedelijk Museum, Amsterdam (2015); in der Secession, Wien (2012); im Tel Aviv Museum of Art (2012); im Moderna Museet, Malmö (2010) und im MoMA PS1, NY (2008). Mit ihren Werken nahm sie an verschiedenen Biennalen und Gruppenausstellungen teil, darunter an der Biennale von São Paulo (2014, 2010, 2006); Berlin Biennale (2012); documenta 12 (2007); Istanbul Biennale (2005) und an der Manifesta 4 (2002) sowie im KINDL – Centre for Contemporary Art, Berlin (2020); im Kunstpalast Düsseldorf (2020); im Stedelijk Museum Schiedam (2019) und im Museum on the Seam, Jerusalem (2019). Außerdem sind ihre Arbeiten in zahlreichen musealen Sammlungen vertreten, darunter dem Museum of Modern Art, New York; der Tate Modern, London und dem Centre Pompidou, Paris.

The Undertaker, 2019
Einkanal-Video und Soundinstallation, Farbe, Ton
13:00 Min.
Courtesy die Künstlerin
Text Cynthia Krell
Übersetzung Amy Paton

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