ajh.pm

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Dornberger Str. 2, 33615 Bielefeld

ajh.pm ist ein Artspace, der im Dezember 2020 in Bielefeld eröffnet wurde. In regelmäßigen Abständen werden hier Videoarbeiten oder Kunstprojekte von internationalen Künstler*innen präsentiert. Die Videos werden bei Einbruch der Dunkelheit im Loop gezeigt und sind auch unter www.ajh.pm zeitlich begrenzt verfügbar. Die Initiatorin, Audrey Hörmann, möchte mit diesem kulturellen Angebot die Diskussion von jungen und weniger bekannten sowie etablierten Künstler*innen und ihrem Werk fördern. 

Jeden Mittwoch und Freitag ist der Raum von 18–20 Uhr für Interessierte geöffnet. Führungen gerne auf Anfrage.

Statement von Audrey Hörmann

IG @ajh.pm
contact@ajh.pm

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3.21 Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian
From Sea to Dawn

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3.21 Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian
From Sea to Dawn
1.5–14.7.21
Gleich zu Beginn der Videoarbeit From Sea to Dawn (2016/17) spielen sich dramatische Szenen auf dem Mittelmeer ab. Menschen werden aus überfüllten Booten gerettet, gezeigt werden auch im Meer treibende, gestrandete oder leblose Körper. Es folgen Aufnahmen, wie wir sie aus den Nachrichten kennen und im kollektiven Bildergedächtnis abgespeichert haben: Mehr
Szenen der rettenden Ankunft am Strand, die Versorgung von erschöpften Menschen, Berge von benutzten Schwimmwesten, sich bewegende Menschen-Massen auf dem Weg durch Europa, abschreckende Grenzbefestigungen und Sicherheitskräfte, fürsorgliche Helfer*innen mit Wasserflaschen und Lebensmitteln. Das Video endet, wie im Werktitel angedeutet, mit einem nicht abbrechenden Menschen-Zug der Morgendämmerung entgegenlaufend. Als ein Verweis auf den Ursprung der Nachrichtenbilder ist das Video ohne Ton mit Untertiteln versehen, die den O-Ton wider geben oder die Aufnahmen journalistisch kommentieren.

Doch hier begegnen uns nicht nur die nackten Medienbilder, die uns als europäisch sozialisierte Rezipienten immer wieder aufwühlen, mitfühlen, teilweise schockieren oder auch mit der Zeit abstumpfen lassen. Denn für die Erstellung ihrer „bewegten Gemälde“ („Moving Paintings“) kombinieren die Künstler Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian, Medienbilder mit Found Footage-Material, drucken diese als Einzelbilder aus und bemalen sie manuell. So entstehen durch die Übermalungen in Form von Linien, Mustern und Ornamenten teilweise sehr poetische Verfremdungen, die sowohl verspielte als auch grotesk wirkende Kreaturen zum Leben erwecken. Im Video werden die Gesichter der Migrant*innen von Marienkäferflügeln verdeckt, die sich bewegenden Körper im Menschen-Zug erscheinen mal als schwebende Wolken-Wesen, als Fabelwesen oder auch als ein mäandernder Riesen-Organismus. Durch den Einsatz von Spiegeleffekten wirken einige Sequenzen fast surreal, indem menschliche Körper oder ein Schlauchboot zu fantastischen Wesen mutieren.

Die hier verwendeten Verfremdungseffekte lassen uns scheinbar in Distanz treten zu dem, was wir eigentlich zu sehen glauben. Die Übermalung, als gestisches Moment, fungiert als Kontrapunkt zu den medialen Nachrichtenbildern und erzeugt dadurch eine Überlagerung einer teils grausamen, teils tragischen Realität. Durch diesen malerischen Akt werden die dargestellten Szenen und Menschen von einer (symbolischen) zweiten Haut ummantelt und deren Privatsphäre geschützt. Sie setzen den massenmedial verbreiteten Nachrichtenbildern eine alternative Erzählung der Migration entgegen, die nicht das Leiden der anderen schonungslos in den Mittelpunkt stellt, sondern einen ästhetischen Reflexionsraum erschafft, der den Prozess des Bilderlesens verlangsamt und somit auch eine Reaktion des Betrachters einfordert. In ihren Werkreihen übersetzen die Künstler somit nicht nur die Macht der Massenmedien und die globalen Ungleichheiten durch die Fotografie oder das bewegte Bild, sondern implizieren immer auch die Frage nach den Möglichkeiten der Repräsentation und einer Überschreibung des kollektiven Bildergedächtnisses durch Gegenbilder.

Ramin Haerizadeh (geboren 1975, Teheran), Rokni Haerizadeh (geboren 1978, Teheran) und Hesam Rahmanian (geboren 1980, Knoxville) leben und arbeiten seit 2009 in Dubai zusammen. Sie arbeiten als Einzelkünstler unabhängig voneinander und propagieren eine Form der Zusammenarbeit die keine Individualität mehr in sich trägt. Sie trafen Mitte der 1990er-Jahre in Teheran aufeinander und jeder entwickelte weiterhin seine eigene künstlerische Handschrift weiter. Einige Jahre später bildeten sie ein loses Kollektiv und bezogen ein Haus in Dubai. Hier entstehen nicht nur ihre organisch wachsenden Gemeinschaftswerke wie etwa Installationen, Filme, Objekte und Skulpturen für Ausstellungen, sondern hier befindet sich auch ihre Sammlung von Kunstwerken, Alltagsgegenständen und gefundenen Objekten. Ihre Ausstellungen sind eine Kombination aus Perfomance, Malerei, Collage, Zeichnung, Videos und Texten, die oftmals in eine raumgreifende und ortsspezifische Installation einfließen. Ihr Interesse gilt auf den ersten Blick den Krisen des Nahen Ostens, der Untersuchung von Machtstrukturen sowie den Themen Exil und Migration in einer historischen Dimension. Dennoch sind ihre Arbeiten bildsprachlich subversiv und kulturell komplex aufgebaut, die auch satirische Szenen beinhalten oder das Absurde der globalisierten Welt offen legen. Zu ihren künstlerischen Strategien und Elementen gehören auch Kostüme, Rollenspiele, performative Objekte und selbst gebaute Mal-Maschinen, die sie bei der Entstehung ihrer raumgreifenden Installationen einsetzen. Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Praxis ist der Austausch und die Zusammenarbeit mit befreundeten Kulturschaffenden, Schriftsteller*innen oder Künstler*innen, die sie zu ihren Ausstellungen einladen mitzuwirken.

Ihre Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Biennalen weltweit gezeigt. Einzelausstellungen der vergangenen Jahre fanden in den folgenden Institutionen statt: in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main (2020); im Frye Art Museum, Seattle (2019); im Officine Grandi Riparazioni (OGR), Turin (2018); im MACBA, Barcelona (2017); im Institute of Contemporary Art (ICA), Boston (2015); in der Kunsthalle Zürich (2015) und dem Den Frie Centre of Contemporary Art, Kopenhagen (2015). Zu den wichtigsten Gruppenausstellungen zählen unter anderem die Teilnahme an der 22. Sydney Biennale, (2020); der Toronto Biennial of Art (2019); im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk (2019); im Guggenheim Abu Dhabi (2017) und an der 9. Liverpool Biennale (2016).

From Sea to Dawn, 2016/17
Einkanal-Farbvideo (Rotoskopie), ohne Ton
6:21 min.
Courtesy die Künstler und Gallery Isabelle van den Eynde, Dubai
Text Cynthia Krell
Übersetzung Amy Patton

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