23.25
Andro Eradze Flowering and Fading
Flowering and Fading
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Etwas ist passiert und wir wissen nicht was. Aber von hier gleiten die Bilder ins Surreale ab wie dieser Löffel über den Sims. Die Dinge beginnen zu schweben, erst die Lampe, dann der Tisch und die Stühle. Das Obst erhebt sich aus der Schale und wie Planeten gleiten Äpfel und Zitronen durch die Luft. Es wirkt, als sänke das ganze Haus unweigerlich hinab auf den Grund des Ozeans mit allem, was es in sich trägt, und dieser Inhalt schwebt ihm nun verselbstständigt und doch nicht unabhängig nach. Die Maus hat sich indes auf einen Stuhl gerettet und treibt auf ihm wie auf einer Planke durch die Luft. Geräusche knarzender Böden und biegender Balken ertönen und die Blätter der Pflanzen wiegen sich nun durchs Bild wie meterlanges Kelp im Wasser. Das ganze Szenario scheint selbst wie der Löffel in zähen Honig gebettet: unwirklich, verzögert, verschleppt. Geheimnisvoll.
Schließlich wechselt die Kamera nach draußen, tastet ausschnitthaft die Wälder, Büsche, Felder ab. Unheimliches Licht wandert wie im Zeitraffer darüber. Die Zeit scheint vorwärts und rückwärts zugleich zu laufen – eine Narration ohne Ziel, die, im Kader des Bildes ihrer Richtung beraubt, stillgestellt zu purer Atmosphäre gerinnt. Eine Blume, auf glimmenden Kohlen vergehend, verliert langsam ihre Form. Die Frau und der Hund liegen im Gras. Fell und Haar verschwimmen in Nahaufnahmen. Ein Schnitt, ein Zwinkern, ein Schnitt, ein Zwinkern. Der Hund erwacht, abrupt hebt er seinen Kopf, er ist wieder im Haus, blickt in die Kamera, blickt uns an. Aus.
Im Grunde passiert nicht viel in Flowering and Fading, einem gut viertelstündigen Kurzfilm von Andro Eradze aus dem Jahr 2024. Es ist ein Film als pure Stimmung, Spannung, Steigerung – eine Intensivierung, ein Aufbau auf einen Höhepunkt hin, der doch nicht kommt (oder eben darin besteht, dass ein Hund aufwacht). Nichts geschieht und doch ganz viel, oder: Da ist nichts, und doch ist etwas da. Es ist das klassische Setting des Horrorfilms, das hier als Evokation des Unheimlichen im Ungesehenen und Angedeuteten wahrhaft formvollendet und von fast jeglichem narrativem Ballast befreit die filmischen Mittel als solche feiert: Erzeugung einer Stimmung, Suspension des Unglaubens an ein Übernatürliches, das am Ende eben stets den Film selbst meint, diese wundersame Verdoppelung der Wirklichkeit.
Schon das nächtliche Setting, das Motiv des Schlafs und des Erwachens, das dem sogenannten Spuk ein sprichwörtliches Ende setzt, markiert die Szenerie als die eines Traums (innerhalb eines Traums?). Wer aber hat geträumt? Die Frau? Der Hund? Die Maus? Die Kamera? Der Künstler? Wir? Die Grenzen zwischen den einzelnen Akteur*innen – und dazu zählen neben Menschen und Tieren auch der Wind, der Wald, das Haus und der Honig, die Blätter, das Licht und die knarzenden, wehenden Töne sowie alle anderen filmischen Mittel – lösen sich auf und fließen hinüber in ein schwebendes Zwischenreich, in dem es keine Rolle mehr spielt, ob die Dinge am Boden stehen oder durch die Luft fliegen.
Das umgekippte Honigglas mit seinem zäh auslaufenden Inhalt samt Löffel ist die zentrale Szene von Flowering and Fading: das Scharnier, das Innen und Außen, Natur und Übernatürliches, Traum und Wirklichkeit verbindet. Erst diese Sequenz, dieses unwahrscheinliche Bild eines zu Boden fließenden und eben nicht fallenden und dabei doch realen Löffels eröffnet den Reigen des Unwahrscheinlichen, des Fliegenden, Schwebenden, Traumartigen. Davor wirkte, was zu sehen war, unheimlich und verwunschen, nun aber ist alles verschoben und unmöglich – und doch ebenso wahr.
Ein wenig erinnert diese zentrale Szene des Films an eine ihrerseits zentrale Szene des europäischen Avantgardekinos: an den berühmten Schnitt durchs Auge in Luis Buñuels und Salvador Dalís surrealistischem Meisterwerk Ein andalusischer Hund von 1929. Wo hier zäher Honig aus einem umgestürzten Glas fliest, quillt dort eine gallertartige Flüssigkeit aus einem aufgeschnittenen Auge. Und wo dort das Sehen im Bild selbst attackiert und das Sichtbare damit auf den Prüfstand gestellt wird, wird hier über die Verlangsamung Bewegung – und damit ein grundlegendes Charakteristikum des Films – ebenfalls als buchstäblich zum Bild geronnen thematisiert. Der Schnitt wie das Auslaufen wenden indes beide Filme einem Portal gleich ins Surreale und Traumartige. 1929 nimmt ein radikaler Schnitt durchs Auge ein vorangegangenes Motiv – den von einer langgezogenen Wolke durchschnittenen Mond – in einem perfekten „Match Cut“ auf und führt es zu Ende; 2024 setzt sich ein bauchiger, in die Wohnung geblähter Vorhang im zäh hinausfließenden Honig fort.
Wo im Fall von Ein andalusischer Hund der grausame und abrupte Schnitt steht (nicht zuletzt begriff sich auch der historische Surrealismus als radikalen Bruch mit der Tradition), findet sich in Flowering und Fading ein langsames und zähes Hinüberfließen, ein kontinuierliches Hineinstülpen, das langsam kippt. Wer mag, kann darin den bildhaften Ausdruck des veränderten technisches Dispositivs hinter dem Bild erkennen: Analoger Film wurde tatsächlich und buchstäblich geschnitten und erst die Montage der Einzelbilder ermöglichte die Entstehung filmischer Traumwelten. Digitaler Film aber, wie er im Fall von Flowering and Fading zum Einsatz kommt, wird technisch gesehen nicht mehr geschnitten. Die Pixel, einzelne, in einem Raster angeordnete Lichtpunkte, verändern einfach ihre Intensität und Farbe, um neue Bilder zum Vorschein zu bringen. Statt radikaler Ablösung eine stetige, aber permanente Veränderung – ein ständiges Flowering and Fading, ein ewiges Aufblühen und Vergehen, ein Aufleuchten und Erlöschen. Die dichten Blätter im Film, deren Bewegungen sich, beschienen von künstlichem Licht, nicht mehr fixieren und auf eine feste Quelle zurückführen lassen, changieren zwischen Hell und Dunkel und ergreifen das gesamte Bild sowie die Betrachter*innen und verunsichern sie. Sie versorgen diesen Film dabei mit einem Motiv für diesen Tanz aus Lichtpunkten, der nicht einzelne Bilder hintereinander bewegt, sondern Bewegung ins jeweilige Bild selbst einführt.
Es sind diese langsamen, „morphenden“ Veränderungen, die sich auch in anderen Filmen Andro Eradzes finden, in denen mit einem besonderen Gespür für dräuende, stark affizierende Stimmungen nicht zuletzt die Grenzen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und technischen Mitteln, also zwischen „human agents“ und „other-than-human agents“ verwischt werden. Sie alle beherrschen es meisterhaft, das Unbelebte zu verlebendigen. Denn das Tote zum Leben zu erwecken, ist ja nicht nur die Spezialität des Horrorfilms, dessen Logik des Suspense Flowering and Fading bis zu einer Perfektion treibt, mit der sie als Eigenwert erkenn- und ausstellbar wird, sondern der erhabenen Illusionsmaschine Kino im Ganzen.
Andro Eradze lebt und arbeitet in Tiflis/Georgien. Seine künstlerischen Arbeiten und Filme waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden auf Filmfestivals gezeigt, darunter etwa im New Museum, New York, USA (2021), auf der 59. Biennale von Venedig, Italien (2022), der 22. Sesc_Videobrasil Biennial, São Paulo, Brasilien, der 14. Kaunas Biennial, Kaunas, Litauen (alle 2023), bei SpazioA, Pistoia, auf der Artissima in Turin, der 9. Biennale Gherdëina, Val Gardena, alle Italien, sowie im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Deutschland (alle 2024), oder im MoMA PS1, New York, sowie auf dem International Film Festival Rotterdam, Niederlande (beide 2025). 2023 absolvierte er das Residency-Programm des WIELS in Brüssel.
Etwas ist passiert und wir wissen nicht was. Aber von hier gleiten die Bilder ins Surreale ab wie dieser Löffel über den Sims. Die Dinge beginnen zu schweben, erst die Lampe, dann der Tisch und die Stühle. Das Obst erhebt sich aus der Schale und wie Planeten gleiten Äpfel und Zitronen durch die Luft. Es wirkt, als sänke das ganze Haus unweigerlich hinab auf den Grund des Ozeans mit allem, was es in sich trägt, und dieser Inhalt schwebt ihm nun verselbstständigt und doch nicht unabhängig nach. Die Maus hat sich indes auf einen Stuhl gerettet und treibt auf ihm wie auf einer Planke durch die Luft. Geräusche knarzender Böden und biegender Balken ertönen und die Blätter der Pflanzen wiegen sich nun durchs Bild wie meterlanges Kelp im Wasser. Das ganze Szenario scheint selbst wie der Löffel in zähen Honig gebettet: unwirklich, verzögert, verschleppt. Geheimnisvoll.
Schließlich wechselt die Kamera nach draußen, tastet ausschnitthaft die Wälder, Büsche, Felder ab. Unheimliches Licht wandert wie im Zeitraffer darüber. Die Zeit scheint vorwärts und rückwärts zugleich zu laufen – eine Narration ohne Ziel, die, im Kader des Bildes ihrer Richtung beraubt, stillgestellt zu purer Atmosphäre gerinnt. Eine Blume, auf glimmenden Kohlen vergehend, verliert langsam ihre Form. Die Frau und der Hund liegen im Gras. Fell und Haar verschwimmen in Nahaufnahmen. Ein Schnitt, ein Zwinkern, ein Schnitt, ein Zwinkern. Der Hund erwacht, abrupt hebt er seinen Kopf, er ist wieder im Haus, blickt in die Kamera, blickt uns an. Aus.
Im Grunde passiert nicht viel in Flowering and Fading, einem gut viertelstündigen Kurzfilm von Andro Eradze aus dem Jahr 2024. Es ist ein Film als pure Stimmung, Spannung, Steigerung – eine Intensivierung, ein Aufbau auf einen Höhepunkt hin, der doch nicht kommt (oder eben darin besteht, dass ein Hund aufwacht). Nichts geschieht und doch ganz viel, oder: Da ist nichts, und doch ist etwas da. Es ist das klassische Setting des Horrorfilms, das hier als Evokation des Unheimlichen im Ungesehenen und Angedeuteten wahrhaft formvollendet und von fast jeglichem narrativem Ballast befreit die filmischen Mittel als solche feiert: Erzeugung einer Stimmung, Suspension des Unglaubens an ein Übernatürliches, das am Ende eben stets den Film selbst meint, diese wundersame Verdoppelung der Wirklichkeit.
Schon das nächtliche Setting, das Motiv des Schlafs und des Erwachens, das dem sogenannten Spuk ein sprichwörtliches Ende setzt, markiert die Szenerie als die eines Traums (innerhalb eines Traums?). Wer aber hat geträumt? Die Frau? Der Hund? Die Maus? Die Kamera? Der Künstler? Wir? Die Grenzen zwischen den einzelnen Akteur*innen – und dazu zählen neben Menschen und Tieren auch der Wind, der Wald, das Haus und der Honig, die Blätter, das Licht und die knarzenden, wehenden Töne sowie alle anderen filmischen Mittel – lösen sich auf und fließen hinüber in ein schwebendes Zwischenreich, in dem es keine Rolle mehr spielt, ob die Dinge am Boden stehen oder durch die Luft fliegen.
Das umgekippte Honigglas mit seinem zäh auslaufenden Inhalt samt Löffel ist die zentrale Szene von Flowering and Fading: das Scharnier, das Innen und Außen, Natur und Übernatürliches, Traum und Wirklichkeit verbindet. Erst diese Sequenz, dieses unwahrscheinliche Bild eines zu Boden fließenden und eben nicht fallenden und dabei doch realen Löffels eröffnet den Reigen des Unwahrscheinlichen, des Fliegenden, Schwebenden, Traumartigen. Davor wirkte, was zu sehen war, unheimlich und verwunschen, nun aber ist alles verschoben und unmöglich – und doch ebenso wahr.
Ein wenig erinnert diese zentrale Szene des Films an eine ihrerseits zentrale Szene des europäischen Avantgardekinos: an den berühmten Schnitt durchs Auge in Luis Buñuels und Salvador Dalís surrealistischem Meisterwerk Ein andalusischer Hund von 1929. Wo hier zäher Honig aus einem umgestürzten Glas fliest, quillt dort eine gallertartige Flüssigkeit aus einem aufgeschnittenen Auge. Und wo dort das Sehen im Bild selbst attackiert und das Sichtbare damit auf den Prüfstand gestellt wird, wird hier über die Verlangsamung Bewegung – und damit ein grundlegendes Charakteristikum des Films – ebenfalls als buchstäblich zum Bild geronnen thematisiert. Der Schnitt wie das Auslaufen wenden indes beide Filme einem Portal gleich ins Surreale und Traumartige. 1929 nimmt ein radikaler Schnitt durchs Auge ein vorangegangenes Motiv – den von einer langgezogenen Wolke durchschnittenen Mond – in einem perfekten „Match Cut“ auf und führt es zu Ende; 2024 setzt sich ein bauchiger, in die Wohnung geblähter Vorhang im zäh hinausfließenden Honig fort.
Wo im Fall von Ein andalusischer Hund der grausame und abrupte Schnitt steht (nicht zuletzt begriff sich auch der historische Surrealismus als radikalen Bruch mit der Tradition), findet sich in Flowering und Fading ein langsames und zähes Hinüberfließen, ein kontinuierliches Hineinstülpen, das langsam kippt. Wer mag, kann darin den bildhaften Ausdruck des veränderten technisches Dispositivs hinter dem Bild erkennen: Analoger Film wurde tatsächlich und buchstäblich geschnitten und erst die Montage der Einzelbilder ermöglichte die Entstehung filmischer Traumwelten. Digitaler Film aber, wie er im Fall von Flowering and Fading zum Einsatz kommt, wird technisch gesehen nicht mehr geschnitten. Die Pixel, einzelne, in einem Raster angeordnete Lichtpunkte, verändern einfach ihre Intensität und Farbe, um neue Bilder zum Vorschein zu bringen. Statt radikaler Ablösung eine stetige, aber permanente Veränderung – ein ständiges Flowering and Fading, ein ewiges Aufblühen und Vergehen, ein Aufleuchten und Erlöschen. Die dichten Blätter im Film, deren Bewegungen sich, beschienen von künstlichem Licht, nicht mehr fixieren und auf eine feste Quelle zurückführen lassen, changieren zwischen Hell und Dunkel und ergreifen das gesamte Bild sowie die Betrachter*innen und verunsichern sie. Sie versorgen diesen Film dabei mit einem Motiv für diesen Tanz aus Lichtpunkten, der nicht einzelne Bilder hintereinander bewegt, sondern Bewegung ins jeweilige Bild selbst einführt.
Es sind diese langsamen, „morphenden“ Veränderungen, die sich auch in anderen Filmen Andro Eradzes finden, in denen mit einem besonderen Gespür für dräuende, stark affizierende Stimmungen nicht zuletzt die Grenzen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und technischen Mitteln, also zwischen „human agents“ und „other-than-human agents“ verwischt werden. Sie alle beherrschen es meisterhaft, das Unbelebte zu verlebendigen. Denn das Tote zum Leben zu erwecken, ist ja nicht nur die Spezialität des Horrorfilms, dessen Logik des Suspense Flowering and Fading bis zu einer Perfektion treibt, mit der sie als Eigenwert erkenn- und ausstellbar wird, sondern der erhabenen Illusionsmaschine Kino im Ganzen.
Andro Eradze lebt und arbeitet in Tiflis/Georgien. Seine künstlerischen Arbeiten und Filme waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden auf Filmfestivals gezeigt, darunter etwa im New Museum, New York, USA (2021), auf der 59. Biennale von Venedig, Italien (2022), der 22. Sesc_Videobrasil Biennial, São Paulo, Brasilien, der 14. Kaunas Biennial, Kaunas, Litauen (alle 2023), bei SpazioA, Pistoia, auf der Artissima in Turin, der 9. Biennale Gherdëina, Val Gardena, alle Italien, sowie im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Deutschland (alle 2024), oder im MoMA PS1, New York, sowie auf dem International Film Festival Rotterdam, Niederlande (beide 2025). 2023 absolvierte er das Residency-Programm des WIELS in Brüssel.
Text Dominikus Müller
Übersetzung Amy Patton
Flowering and Fading, 2024
Video, 4K, 16:22 Min.
Courtesy der Künstler, Lo schermo Dell’arte, Fondazione in Between Art Film und SpazioA Pistoia
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Übersetzung Amy Patton
Flowering and Fading, 2024
Video, 4K, 16:22 Min.
Courtesy der Künstler, Lo schermo Dell’arte, Fondazione in Between Art Film und SpazioA Pistoia