ajh.pm

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Dornberger Str. 2, 33615 Bielefeld

ajh.pm ist ein Artspace, der im Dezember 2020 in Bielefeld eröffnet wurde. In regelmäßigen Abständen werden hier Videoarbeiten oder Kunstprojekte von internationalen Künstler*innen präsentiert. Die Videos werden bei Einbruch der Dunkelheit im Loop gezeigt und sind auch unter www.ajh.pm zeitlich begrenzt verfügbar. Die Initiatorin, Audrey Hörmann, möchte mit diesem kulturellen Angebot die Diskussion von jungen und weniger bekannten sowie etablierten Künstler*innen und ihrem Werk fördern. 

Jeden Mittwoch und Freitag ist der Raum von 18–20 Uhr für Interessierte geöffnet. Führungen gerne auf Anfrage.

Statement von Audrey Hörmann

IG @ajh.pm
contact@ajh.pm

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1.20 Pakui Hardware
Extrakorporal

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1.20 Pakui Hardware
Extrakorporal
1.12–26.2.21
Das Interesse von Pakui Hardware richtet sich auf die enge Beziehung zwischen Materialität, Technologie und Ökonomie. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, inwiefern Technologie die Ökonomie und unsere physisch-körperliche Wahrnehmung von Wirklichkeit tatsächlich verändert. Sie gehen in ihrer künstlerischen Beschäftigung Fragen der Automation, Robotik, synthetischer Biologie und der Bedeutung neuer Materialien nach. Mehr
In den Skulpturen, Plastiken und Installationen des Künstlerduos durchdringen sich verschiedene Materialien, Bilder und Körper, die oftmals an futuristische oder biologische Settings erinnern. Technische Gewebe und Stoffe treffen dabei auf transparente, flüchtige Materialien; sie bestimmen die ebenso organische wie synthetische Erscheinung ihrer Objekte und Rauminstallationen.

Extrakorporal (2018) lässt die Besucher*innen wie in eine Petrischale eintauchen. Oder eröffnet der Ausstellungsraum gar ein schamanisches Reich? Hier wachsen Organe und Gewebe außerhalb von Körpern, deren zukünftiges Verhalten rein spekulativ ist. Turritopsis-Quallen und Seeigel-Larven werden Zelle für Zelle untersucht, um das Rezept ihrer Unsterblichkeit zu finden. Diese sich autonom generierenden und organisierenden Gewebe sind nicht nur biologischen, sondern auch wirtschaftlichen Gesetzen unterworfen. Denn die Biosubstanzen und -materialien werden in gewinnbringende Projekte investiert, womit sie sich in abstrakte Biowerte verwandeln und zum Bestandteil einer Ökonomie werden.

Ein scheinbar vertrautes, aber schwer fassbares Objekt schwebt im Raum – aus verschiedenen Materialien wie thermogeformtes Plexiglas, Silikon und vielen verschiedenen Stoffen. Formal inspiriert ist es von den detailreichen, zoologischen Glasmodellen von Leopold Blaschka (1822–1895) und Rudolf Blaschka (1857–1939) oder den ebenfalls organisch wirkenden, durchsichtigen und zarten Plastiken der Künstlerin Eva Hesse. Es ähnelt rituellen Masken ohne Schamanen. Es erinnert an hybride Kreaturen oder Trophäen, die aus den Lebensessenzen und der Unsterblichkeit dieser Meeresbewohner extrahiert wurden und jetzt ihr Eigenleben entwickeln. Doch besitzt sie noch/auch körperheilende Kräfte?

Mit Extrakorporal untersuchen Pakui Hardware mit künstlerischen Mitteln einmal mehr die Bedeutung von Körpern, Performativität von Materialien und dem Profit aus biologischen Substanzen. Die Wissenschaften sind dabei nur ein Ausgangspunkt ihrer Untersuchung. Was Pakui Hardware ebenso interessiert sind die Ökonomien dahinter, die sich auch in den zugrundeliegenden Produkten und Materialien spiegeln. Sie beschäftigt was Waldby und Mitchell als „Gewebewirtschaft“ (Tissue Economies)¹ bezeichnet haben: die Auswirkungen von Biokapitalismus und regenerativen Medizintechnologien, die aus therapeutischen wie ökonomischen Gründen immer mehr auf menschlich-tierische Stoffe wie Haut, Blut, Zellmaterial zurückgreifen. Damit suchen Pakui Hardware nach einer skulpturalen Übersetzung der disparaten Elemente und Themen, die hier miteinander agieren. Ähnlich den Wissenschaftler*innen, die die unerklärlichen Energien der Selbstverjüngung in der Verbindung von menschlichen mit nichtmenschlichen Substanzen anderer Spezies suchen, verschmelzen künstlich-industrielle und organische Formen in der Ausstellung auch zu einer körperlich erfahrbaren und dennoch spekulativen Realität. Der Raum um unseren Körper wird zur Petrischale, zum symbolischen Ausdruck unseres ewigen Strebens nach Unsterblichkeit im Spannungsfeld von Ökonomie, Wissenschaft und Technik.

Pakui Hardware (*1977 und *1984, Litauen) leben und arbeiten in Berlin und Vilnius. Ihre nächsten Einzelausstellungen werden im Leopold-Hoesch-Museum, Düren (2021) und im BALTIC Art Center, Gateshead (2020) zu sehen sein. Sie hatten bereits Einzelausstellungen im Museum der bildenden Künste Leipzig (2020), in der Future Gallery, Mexiko (2019), im Bielefelder Kunstverein (2018), im Tenderpixel, London (2018), und in dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien (2016). Sie haben an zahlreichen Gruppenausstellungen darunter im MO.CO La Panacée, Montpellier (2020), an der Biennale Gherdëina 7 (2020), an der 16. Istanbul Biennale (2019), im MAXXI Rom (2019), an der 13. Baltischen Triennale im CAC, Vilnius (2018), im BOZAR Brüssel (2018), in der Kunsthalle Basel (2017) und im Kunstverein Braunschweig (2017) teilgenommen.

Extrakorporal, 2018
Text Thomas Thiel
Auszug aus dem Begleittext zur Ausstellung von Pakui Hardware im Bielefelder Kunstverein, 2018.
Foto Ines Könitz

¹Robert Mitchell, Catherine Waldby (Hg.), Tissue Economies: Blood, Organs, and Cell Lines in Late Capitalism, Duke University Press, März 2006.

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