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18.24 Mohamad Abdouni
ANYA KNEEZ: A Queen in Beirut

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18.24 Mohamad Abdouni
ANYA KNEEZ: A Queen in Beirut
15.3.–14.6.24
“It’s not about drag,
It’s about what excites me,

what I find fun is the idea of dressing up,
but it doesn’t have to be drag,
it could be a boy look.”

Anya Kneez

ANYA KNEEZ: A Queen in Beirut, 2017, ist ein Dokumentarfilm über das Leben eines jungen Mannes, der die Kunstform des Drag aus Brooklyn in den Clubs von Beirut wieder aufleben ließ. Ihr Alterego als Drag Queen Anya Kneez, kehrt nach 23 Jahren in den USA nach Beirut im Libanon zurück, um ihre Eltern zu pflegen. Dort kämpft sie fünf Jahre später immer noch mit den Werten einer Gesellschaft, die ihren Lebensstil nicht akzeptiert und sie ein Doppelleben führen lässt.
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Entstanden ist ein intimes und sensibles Videoporträt, das sowohl den Alltag als auch die Vorbereitungen, die mit der Verwandlung in eine Drag Queen verbunden sind, in kontrastreichen Bildern einfängt. Die Kamera begleitet Anya beim Zeichnen von Entwürfen, beim Einkauf von Schmuck und Stoffen, beim Schminken, beim Anprobieren, beim Posieren und bei der Performance. Umso erstaunlicher ist es, dass die extravaganten Drag Queen-Outfits und Accessoires allesamt in einem winzigen Schlaf- und Nähzimmer entstehen, wo sie von der studierten Modedesignerin mit viel Liebe zum Detail gezeichnet, entworfen und genäht werden. 

Wie beiläufig erzählt uns die Hauptfigur in einem Monolog aus ihrem Leben, aber nicht chronologisch und linear, sondern vielmehr in einer vertrauten Gesprächssituation wie unter Freund:innen. Es wird schnell klar, dass die Beziehung zwischen Anya und dem Filmemacher eine intime ist, eine Freundschaft, die es erlaubt, dass solch offener Trost mit Leichtigkeit durchsickert. Anya erzählt von ihrer Leidenschaft für Mode, wie sie in New York Modedesign studiert und die Performancekunst der Drag Queens entdeckt. Damit verbindet sie nicht nur den Akt der Selbstbefreiung und das modische Spiel mit Identitäten, sondern auch einen emotionalen Ausnahmezustand: „Ich kann nicht wirklich erklären, welche Emotionen und Gefühle ich empfinde, den Adrenalinstoß, die Liebe zu mir selbst und das wahnsinnige Selbstvertrauen, wenn ich ein Kleid oder einen Overall anziehe, mein Gesicht schminke, ein paar Stiefel anziehe und losgehe, als würde mir die Welt gehören.“ Diese flirrenden Emotionen, trotzenden Selbstbewusstseins, werden in den clipartigen Aufnahmen von Anya Kneez spürbar, in denen sie im flackernden Licht posiert und verführerisch tanzt. 

Anyas Faszination für Drag ist eng mit ihrer Leidenschaft für Mode verbunden, die sie wie folgt beschreibt: „Ich liebe Kleidung. Das ist einer der Gründe, warum ich mich für diesen Beruf und diese Branche entschieden habe. Es hat etwas mit der Idee der Mode zu tun, mit der Vorstellung, dass man sich durch ein Kleidungsstück verwandeln und der Welt, in der man lebt, entfliehen kann, und sei es auch nur für eine Minute.” Diese kulturelle Praxis des spielerischen Umgangs mit Geschlechtervielfalt und Identitäten in der Mode bildet eine Analogie zur heutigen Inszenierung des Ichs in den sozialen Medien (Selfies mit/ohne Filterfunktionen) und sogar zum kunsthistorischen Genre des Selbstporträts. Das Selbstbildnis dient dabei als Projektionsfläche für Fiktionen und ist daher besonders geeignet, das künstlerische Selbstverständnis zu artikulieren und an den oder die Künstler:in rückzubinden. Im Zuge jeder Selbstdarstellung ist das dargestellte Selbst immer auch Chiffre für kollektive Sehnsüchte, Erwartungen, Wünsche oder Ängste, wie die inszenierten Fotografien von Cindy Sherman eindrücklich zeigen. 

All diesen Formen der Selbstinszenierung ist einerseits das Spiel mit Geschlechter-identitäten gemeinsam, andererseits wird das (körperliche) Begehren des Anderen verhandelt. Der Körper wird zum Möglichkeitsraum, zum Narrativ oder zur Bühne für Inszenierungen durch Gestik, Mimik, Make-up, Kleidung und Accessoires. Gerade das Uneindeutige und Fließende kann phantasievoll erprobt werden. Es ist ein Wirken an einer Zwischenleiblichkeit, die zwar immer schon da ist, aber auch immer wieder neu als erfahrbarer (Handlungs-)Raum geschaffen werden muss. Denn gerade in der queeren Kultur ist der Körper immer auch Repräsentation, politischer Aktivismus und gelebter Widerstand gegen die Normierung von Körper und Subjektivität zugleich. 

Den positiven Erinnerungen, Emotionen und Freiheiten der prägenden Jahre in den USA stehen die homophoben Erzählungen der Eltern, die Vorstellungen von Männlichkeit und die normativen Werte der (arabischen) Gesellschaft gegenüber. Daraus ergibt sich der ständige Widerspruch, einen Teil der eigenen Persönlichkeit komplett verleugnen und verbergen zu müssen – ein Doppelleben zu führen. Das Video wird aus einer rein subjektiven Perspektive erzählt und fokussiert somit eher den biografischen Kontext, auch wenn die Eltern als Vertreter:innen der libanesischen Gesellschaft fungieren. Zum Teil nimmt Anya in ihren eigenen Aussagen Bezug auf die soziale und gesellschaftspolitische Realität und die Situation der queeren Community im Libanon. Es handelt sich somit um ein Dokument im Sinne des Oral-History-Ansatzes, das Zeitzeug:innen selbst und frei zu Wort kommen lässt. Anya berichtet im Originalton über Ereignisse, Gefühle und Aspekte, die ihr wichtig erscheinen – ohne Einordnung oder Kommentierung durch Mohamad Abdouni. 

Der Dokumentarfilm macht auf unmittelbare Weise deutlich: Das Bedürfnis eines jeden Menschen, seinen oder ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, sich akzeptiert zu fühlen, sich so entfalten zu können, dass Innen und Außen eine Einheit bilden – auch jenseits einer Heteronorm – ist ein sehr universelles menschliches Anliegen. Umso mehr erscheint die Kunstfigur Anya Kneez wie eine Utopie, ein Wesen aus einer genderfluiden Zukunft, in der alle Menschen so sein können, wie sie sich fühlen und gesehen werden wollen – um das Leben in seiner Vielfalt zu feiern.

Mohamad Abdouni (*1989, Libanon) ist ein Künstler, Fotograf, Filmemacher und Kurator. Er lebt und arbeitet in Beirut und Istanbul. Außerdem ist er Chefredakteur und Creative Director von COLD CUTS, einem Fotomagazin, das sich mit queeren Kulturen in der SWANA-Region (Nordafrika und Südwestasien) beschäftigt. Seine Arbeiten wurden international in Museen und Galerien ausgestellt, unter anderem im Brooklyn Museum New York (2017), in der FOAM Gallery Amsterdam (2019), im Institut des Cultures de l’Islam Paris (2019), in der Patel Brown Gallery Toronto (2021), im Institut du Monde Arabe Paris (2022) sowie der Lyon Biennale (2022). Er ist außerdem Preisträger der diesjährigen Lafayette Anticipations, die während seiner Einzelausstellung bei Paris + by Art Basel mit der Galerie Marfa’ verliehen wurden. Mohamad Abdounis Filme wurden auf zahlreichen Festivals gezeigt, wie etwa dem Eyes Wide Open Cinema (UK), dem Leeds Queer Film Festival (UK), dem International queer & Migrant Film Festival Amsterdam (NL), dem Woodbury LGBTQ Film Festival New Jersey (USA), dem Pink Apple schwullesbisches Filmfestival Zürich/Frauenfeld (CH). Auf kommerzieller Ebene hat er Regie geführt sowie Mode- und Musikvideos für bekannte Labels, Marken und Magazine gedreht, wie etwa Gucci, Vogue US, Vogue Italien, Burberry, Puma, The New York Times, Slate, Fendi, Farfetch, GQ, King Kong, Dazed, Another, Nowness, Vice UK und L’officiel. Im Rahmen umfangreicher Rechercheprojekte konzentriert er sich auf die unerzählten Geschichten Beiruts und die Aufdeckung der reichen, aber ausgelöschten queeren Geschichte der arabischsprachigen Region durch mehrere Dokumentarfilme und Fotostorys, die in verschiedenen Publikationen veröffentlicht wurden, darunter A24, Telerama, Foam Magazine, Tetu, New Queer Photography, Kaleidoscope, i-D, Photoworks und The Guardian. Zuletzt widmete er sich dem wohl ersten Archiv für Trans*-Geschichten in einem arabischen Land, dem Projekt Treat Me Like Your Mother: Trans* Histories From Beirut’s Forgotten Past. Diese Sammlung befindet sich heute in der Arab Image Foundation in Beirut.

www.mohamadabdouni.com

Text Cynthia Krell

ANYA KNEEZ: A Queen in Beirut, 2017
Video, Farbe, Ton
10:53 Min.
Courtesy der Künstler und Marfa’, Beirut.

Fotos Philipp Ottendörfer

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